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Story: Session 1 - Der Anfang vom EndeBearbeiten

Ein kleines Dorf an einem harschen Küstenstrich, umgeben von undurchdringlichem Dschungel der Tropen. Das lärmende Geschrei der Dschungeltiere mischt sich unter das geschäftige Treiben der für immer Verbannten, die unter der sengenden Sonne in der todbringenden Wildnis das Nötige zum Leben zusammenraffen müssen.

Wraeclast. Dies ist also der Ort, an den die Verbrecher, die Verhassten, die Todgeweihten des Königreichs gebracht werden, um in qualvollem Tagwerk ihr Dasein zu fristen - oder bei dem Versuch dabei zu scheitern und elendig zu sterben.

Als vor zwei Jahren unser Schiff hier vor die Küste fuhr und wir auf rauer See über die Planke gingen - kein Kapitän traut sich näher an die Küste als das Doppelte dessen, was ein Trebuchet gerade noch treffen kann - waren wir der Hoffnung beraubt, je wieder die Sonne unter dem Königreich zu sehen, falls wir überhaupt je einen weiteren Sonnenaufgang erleben sollten. 80 Männer und Frauen waren wir, jeder nur mit dem Nötigsten an Kleidung und, als Zeichen des unfassbaren Großmuts des Königs, einem einzigen "persönlichen" Gegenstand. So wurden wir den Fluten überlassen, man nahm sich nicht mal die Zeit, zu sehen, ob wir es an Land schaffen sollten.

Jeder war damals auf sich allein gestellt, Argwohn überschattete die Gruppe der ums nackte Leben schwimmenden. Niemand wusste, ob sein Nachbar Mörder, Halsabschneider oder Geisteskranker war, so viele Schritt von der Küste entfernt mitten im Ozean saß da jedem die Angst im Nacken. Vielleicht hatte man aber doch nur den König "verraten" - ein widerlicher Choleriker, wer nicht für den König ist, landet auf "dem Schiff".

Doch die meisten sollten sich als zäh genug erweisen und nach zermürbenden, zerreißenden Stunden das rettende Ufer erreichen. So auch wir, damals vor zwei Jahren.

Man wartete am Ufer bereits auf uns. Frischfleisch, aus dem Königreich. Mal sehen, was so an neuen Gegenständen mitgebracht wird, schließlich herrscht hier Mangel an Allem. Doch nicht alle mussten ihre Gegenstände für immer abtreten. Manche schafften es, ihre zu behalten. Manche erlangten diese auf dem einen oder anderen Wege zurück. Man härtet ab in dieser Umgebung.

Klio hat jetzt hier das Sagen. Man hört besser auf sie, denn die Gemeinschaft hier ist die einzige Chance auf weitere Sonnenaufgänge, in der Wildnis lauern die Tiere. Immer mal wieder macht sich ein Trupp auf, die Gegend zu erkunden oder gar auf Jagd nach diesen Tieren zu gehen, doch nachts kehrt nur der Schrecken ins Dorf zurück. Bis zum heutigen Tag.

Einer der Stärksten aus dem Dorf, Trogan, hatte sich vor einer Woche mit zwielichtiger Gesellschaft auf den Weg gemacht, ins Landesinnere vorzudringen. Eine Woche war er weg, alle hatten ihn schon abgeschrieben. Doch Trogan liegt jetzt vor uns auf dem Hauptplatz, tiefe Wunden voller Eiter und Schleim überziehen seinen Körper. Er hat einen verfallenen Turm gesehen, mit eigenen Augen! Hinter den Hügeln, am Ufer des Skagerrag entlang, es muss hier noch andere Siedlungen geben!

Klio hört sich das genau an, doch als Trogan die linke Hand öffnet und ihm ein Stück seltenes, geschmiedetes und hochverarbeitetes Metall herausgleitet presst sie einen Atemstoß Luft aus den Lungen und geht ab.

Das Metallstück wird herumgereicht. Rufe werden laut, man solle den Mechanicus holen, er, der Einzige, der vielleicht Trogan helfen kann...doch als Methar den Hauptplatz erreicht und sich über Trogan beugt, macht jener zum Erschrecken aller seinen letzten Atemzug.

Zwei Tage vergehen. Die, die es interessiert, kennen kein anderes Thema mehr: Wer könnten die Fremden sein, die den Turm gebaut haben? Welches Tier hat diese grässlichen Wunden geschlagen - und Trogan dann halbtot liegen lassen? Waren das Blinkwölfe? Zwei Tage wurde Klio nicht gesehen, bis sie schließlich gemeinsam mit Kala, dem Wachführer, zielstrebig unsere Kate (=Hütte) aufsucht. Sie will einen Suchtrupp haben. Wir sollen aufbrechen und von dem Turm berichten. Damit wir auch lebend wiederkommen, stellt sie uns zwei Schutzmänner, und außerdem haben wir mit Meles ja eine erfahrene Jägerin in der Gruppe, die schon Nächte draußen überlebt hat.

Wir schauen uns gegenseitig an, mustern uns, beäugen uns, spüren unwillkürlich den Argwohn aufsteigen, der sich vor zwei Jahren in den Fluten tief ins Bewusstsein gegraben hat. Doch wählen können wir nicht, man macht, was Klio sagt, oder man verlässt das Dorf. Allein.

Warum wir, fragt sich wahrscheinlich jeder von uns, von Meles abgesehen. Sie wird uns wohl durch das undurchdringliche Blattwerk und Unterholz führen müssen, keine leichte Aufgabe bei der Begleitung. Da ist Methar, der Tüftler, der Mechanicus, der die einzige Werkstatt des Dorfes betreibt und so gut es geht die Dorfwehr verbessert und ausrüstet. Er ist an und für sich unentbehrlich, dennoch schickt Klio ihn fort. Es muss ihr sehr wichtig sein, wenn sie ihn damit betraut, den Turm zu vermessen und dessen Konstruktion und Steinbeschaffenheit zu beurteilen. Sie weiß etwas darüber, was keiner außer ihr weiß, soviel steht fest.

Dann ist da noch Efilia, die Schöne, die Anmutige, die so oft weiß, wie in trüben Stunden Kurzweil in die Köpfe, in die Katen einkehren kann. Gemessen am Tagwerk ist sie wahrscheinlich entbehrlich in der Gemeinschaft, wenn das mancher auch gänzlich anders sehen mag. Entbehrlich erscheint auch Luzifer, der Seltsame, der von einer deutlichen Tätowierung in Form einer geschwungenen Linie, die von einer Wange über den Nacken zur anderen Wange geht, gezeichnet ist. Er strahlt etwas aus, etwas - Seltsames. Jedoch ist ihm auch von den Skeptischsten anerkannt, dass er als Hochgelehrter das Schiff betreten hat - und andere an diesem Wissen auch teilnehmen lässt. So ist es ihm zu verdanken, dass eine nahrhafte, in seinen Händen überaus schnell wachsende Frucht aus dem nahen Dschungel geholt werden konnte, die mittlerweile einen nennenswerten Beitrag zur Dorfsättigkeit leistet. Für Andere erscheint es überdies so, dass sich sein Tagwerk in den genannten Dingen allerdings vollständig erschöpft.

Zwei Tage verbleiben nun also, das Nötige zu erledigen und die ohnehin spärliche Ausrüstung vorzubereiten. Ein Speer wird angefertigt, als Spitze ein Stück des von Trogan erbeuteten Metalls. Ein Stück Papier wird angefertigt, Tinte soll erzeugt werden, was aber mangels Materials nicht beendet werden kann. Schließlich werden jedem 5 Tagesrationen zusammen mit den besten Wünschen ausgehändigt und freundlich aber bestimmt die besten Tipps überreicht, wie wir am Schnellsten auf unseren Pfaden die ersten Kiloschritte des Dschungels passieren können. Doch Meles kennt die Wege ohnehin.

In Dorfnähe sind die Pfade gut begehbar, alle Jäger und Fischer gehen hier ein aus. Den Skagerrag, unsere Lebensader, die beständig Süßwasser zum Dorf führt, zu befischen ist heikel und gefährlich. Krokodile lauern. Wir passieren den Fischersitz, den Methar letztes Jahr gebaut hat, nachdem wieder zwei Fischer verschwunden waren. Der Fischersitz ist auf einer halbhohen, weit über den Fluss ragenden Baumkrone angebracht, von wo aus gut geangelt werden kann. Gleichzeitig hat sich bislang noch keines der Krokodile die steilen, sich um den Stamm windenden Stufen hochgewagt. Die Fangrate hat sich seither deutlich verbessert, allerdings ist der Fischersitz auch bereits eine knappe Stunde vom Dorf entfernt. Meles springt die Stufen hoch um vom Fischersitz aus einen kurzen Blick auf den vor uns liegenden Weg zu werfen. Jeder von uns war schon einmal auf dem Fischersitz, sei es, um den tollen Ausblick entlang des breiten Stromes zu genießen oder einfach um die Ruhe und Abgeschiedenheit zu suchen, die man im Dschungel sonst nicht finden kann. Überall lauert die Gefahr. Unsere Nackenhaare kräuseln sich, als wir den Fischersitz passiert haben. Abgesehen von Meles war bislang keiner von uns je weiter vom Dorf entfernt.

Wir behalten den Fluss zu unserer Rechten und kommen, noch ausgeruht und von innerer Unruhe getrieben, gut voran. Der Tag vergeht überdeckt von Dschungelgeschrei, lästigen Insekten und dem montonen Hacken der Machete, bis wir schließlich einen brauchbaren Lagerplatz am Fuße der Hügel erreichen. Wir sammeln Feuerholz und Hoffnung darauf, die Nacht lebend zu überstehen, jeder auf seine Weise. Wachen werden eingeteilt. Feuer wird angeschürt. Ein Schutzkreis wird gegangen. Ein Lied wird angestimmt. Angespannt nagen wir an den Dingen, die wir in der Umgebung der Natur abtrotzen können und legen uns mit rastlosen Gedanken auf den harten Boden.

Udo